Unter dem Titel „Angst-Studie“ berichtet die Morgenpost heute exklusiv von Umfrage-Ergebnissen der Boston Consulting Group. Nur noch jeder zehnte Deutsche kann sich vorstellen, dass seine Kinder es einmal besser haben werden als er. Dieser Zukunftsangst begegne ich auch in persönlichen Gesprächen. Und mit der Angst macht sich Resignation breit, wo doch Mut zur Veränderung angebracht wäre.
Vielleicht ist das „Alles wird schlechter“-Szenario deshalb so weit verbreitet, weil wir uns nicht vorstellen können, wie ein Weg aus den Krisen aussehen könnte. Deshalb an dieser Stelle ein Szenario, in dem der Lebensstandard – aus heutiger Sicht – sinkt, dafür aber andere Lebens-Qualitäten zunehmen.
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Am Morgen des 11.Juni 2027 ist Katrin Müller mit der Straßenbahn unterwegs zum Münchener Hauptbahnhof. Sie wird eine Gruppe von Chinesen abholen und ihnen dann die Gemeinschaft „Übermut in Laim“ zeigen, die sie vor vier Jahren mit gegründet hat. Frau Müller ist Community Managerin und Stadtbäuerin. Bei einem Verlag hatte sie vor 15 Jahren, direkt nach dem Studium und mitten in der Krise als Praktikantin mehrere Frauen-Communities betreut. Daraus entwickelte sich schließlich ihr Interesse an Communities im echten Leben. Überall in den Städten bildeten sich Gemeinschaften, die sich auf lokal begrenztem Raum weitgehend selbst versorgen wollten. Das war teils aus der Not geboren, teils fand man sich aus Neugier auf neue Formen des Zusammenlebens zusammen.
Als Katrin Müller in Laim das Dach eines Bürohauses 2014 mit Radieschen bepflanzte, war das zunächst nur ein Werbe-Gag. Rund um diesen Dachgarten fand sich allmählich eine Gruppe zusammen, die schliesslich eine Wohngemeinschaft gründete, aus mehreren Generationen. Von Anfang an bemühte sich die Gruppe um gutes Einvernehmen mit den Bewohnern und Firmen des Bezirks, die gern zu den Festen und Kursen kamen und sich Windräder und Bienenkästen aufs Dach setzen ließen. Bald entstand eine lebendige Stadtteilkultur. Man kennt sich, man hilft sich. Die Integration der Klimaflüchtlinge aus Somalia in den Stadtbezirk machte die Laimer Gemeinschaft zum Vorzeigeprojekt. Daran hat Katrin Müller einen grossen Anteil und sie ist stolz darauf.
An einem einfachen Tag kümmert sich Katrin nur um die Community-Plattform. Ein zentraler Anlaufpunkt ist die Tauschbörse. Getauscht und geteilt wird so ziemlich alles – vom Einkoch-Apparat bis zum Wissen über Rechtsfragen. Wer keine Internetverbindung hat, kommt zu ihr ins Stadtteilcafé und schaut sich dort die Angebote an. Katrin selbst hat über die Tauschbörse ihre Erfahrungen als Stadtbäuerin weitergegeben und Musikunterricht für ihre Tochter eingekauft. Und ein paar Stunden Chinesisch, extra für heute.
Natürlich gibt es auch Konflikte. Das sind die weniger einfachen Tage. Oft geht es dabei um Energie. Denn die Energie, die der Stadtbezirk selbst erzeugt, reicht nicht aus, um das Leben zu führen, das noch 2012 möglich war. Das ist für viele Ältere schlimm, die an Wäschetrockner und Kaffeeautomaten gewöhnt waren. Die Community hat einige Geräte auf den Index gesetzt, andere können nur in den Gemeinschaftsräumen zu bestimmten Zeiten genutzt werden. Das liefert Streitpotenzial, doch es findet sich immer eine Lösung. Schwieriger findet Katrin die Tendenzen, sich von anderen Communities in München abzugrenzen und völlige Autarkie anzustreben.
Gleich wird der neue Eco-Intercity auf dem Hauptbahnhof einfahren. Er wurde unter Mitwirkung von Ingenieuren auf der ganzen Welt entworfen – ein globales Crowdsourcing-Projekt, bei dem sie gern zu den Community Managern gehört hätte. Mit einem neuartigen Antrieb und der Konstruktion, die einem Schwertfisch nachempfunden wurde, ist der Eco-Intercity zu einem Modell für energiesparende Mobilität geworden. Die Innenausstattung soll komplett aus Recycling-Material stammen, das möchte sich Katrin unbedingt anschauen. Ein Ingenieur aus ihrer Gemeinschaft hat am Design der Bordküche mitgewirkt. Von der Prämie, die er verdient hat (in Euro und nicht in der hier vorherrschenden Münchener Lokalwährung) spendierte er der Gemeinschaft mehrere tragbare Solarladestationen.
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Die Welt, wie Katrin Müller sie kennt, wurde entscheidend von diesen Ereignissen der letzten Jahre geprägt:
- Der Weltwirtschaftskrise 2012-2016 erschütterte das Finanzsystem. Einige Banken gingen pleite, Griechenland und Finnland traten aus der Euro-Zone aus. Und die Bundesregierung begann, Regionalwährungen zu unterstützen.
- Die Eskalation des Konflikts mit dem Iran hatte im Jahr 2015 ein solches Ausmaß angenommen, dass auch andere ölfördernde Länder erfasst wurden. Die Öl-Preise kletterten ins Unerschwingliche. Das war der Moment, wo auch dem Letzten klar wurde, dass es Zeit ist für unabhängige Energieversorgung und ölfreie Industrie und Landwirtschaft. Die Wirtschaft hatte das schneller erkannt als die Politik. Die Öl-Unabhängikgkeits-Richtlinien der EU und BRIC-Staaten beschleunigte die Deeskalation mit dem Iran. Öl wird wieder gehandelt, spielt aber eine völlig andere Rolle als vor 15 Jahren.
- Die klimabedingten Dürren und Hochwasser der Jahre 2020 und 2022 verlangten den Bewohnern Deutschlands viel ab, Ernten gingen verloren, Fabriken standen unter Wasser. Die Welle der Solidarität innerhalb Deutschlands, aber auch die Anteilnahme aus anderen Ländern war überwältigend. Diese Katastrophen haben viel zur effizienten Organisation von resilienten Gemeinschaften beigetragen.